Donnerstag, 1. August 2013

Irland 04 - Downpatrick | Gottlooooos!

Der Donnerstag unserer ersten Woche führte uns nach Downpatrick. Wieder mal war ich völlig unbeleckt von Vorabinformationen - ich hatte nur in irgendeinem Heftchen vom Irlandstand auf der ITB in Berlin gelesen, daß dort sein Grab sein soll. Na, dachte ich, kannste nicht hinfahren, ohne Dir das mal anzugucken.

Vorneweg erstmal ganz kurz: In Nordirland wird ja mit britischen Pfund bezahlt. Ist das Motto auf dieser 10-Pfund-Note nicht fantastisch? "Nichts sei Euch unmöglich". Dazu dieses hübsche Herzchen auf beiden Seiten. Jahaaa, so sind die Ulsterer. ;-)


Nach Downpatrick gab es einen Weg von 1,5 Stunden im Binnenland oder zur Auswahl 2,5 Stunden an der südlichen Küste. Wir haben uns für die Küste entschieden, aber da ich gefahren bin, gibt es davon keine Fotos. Ihr müßt mir also einfach glauben, wenn ich sage, daß es großartig war.

Als wir in der Stadt ankamen, hatten wir natürlich überhaupt keinen Plan. Ich fuhr einfach schnurstracks auf den nächsten Kirchturm zu, und siehe da, es war tatsächlich eine St Patrick's Cathedral. Allerdings wieder einmal ein neogotischer (oder naja nicht wirklich) Bau, der dem Heiligen einfach geweiht ist. Zu dieser Gemeinde (Parish of Downpatrick) gehören außerdem noch 3 Kirchen: St Brigid's, St Columcille's, St Malachy's. Schön, oder?
Wenn man sich so die irischen frühchristlichen Heiligen (das Wort "holy" bezeichnete damals einfach nur einen Christen übrigens, daher ist es auch völlig normal, daß Patrick in seinem Traum rufen hörte "come to us, oh holy youth") mal anguckt, ihre lebensnahe, das Leben bejahende Art, ihre friedliche Missionierung durch Vorleben statt wie später im Mittelalter durch Schwert und Blut - ich finde es schön, daß genau diese Leute dort oben heute so eine große Rolle spielen.

Es war, wie jeden Tag seit unserer Ankunft, schweinisch heiß. Wir wurden mehrfach von Iren darauf angesprochen, daß das ungewöhnlich sei und genau zu unserer Ankunft. Wir fanden auf dem weitläufigen Parkplatz vor der Kirche das einzige Plätzchen im Schatten und schüttelten uns nach der langen Fahrt ohne Klimaanlage erstmal die Glieder aus. Dann spazierten wir hinauf.


Vor der Kirche ein kleines Plätzchen mit Gräbern früherer Reverends. Dieser hier hieß auch Patrick, die Kreuze dort waren wirklich wunderschön.


Ich liebe dieses Relief über der Eingangstür. Sein Gesicht scheint hier zu sagen: Chillt mal, Leute.


Überm Gemeindebüro muß er natürlich auch rumhängen:


Blick von der Tür zum Altar:


Der verschlissene Teppich zeigt in regelmäßigen Abständen keltische Motive:


Blick vom Altarraum zur Orgelempore:


Die wie immer wunderschönen Fenster zeigen hier St Patrick und St Columcille:


…und hier St Brigid und St Malachy:


Links vom Altarraum konnte man Gebetskerzchen anzuzünden; direkt neben diesem wunderhübschen Mosaik, das die 4 Evangelisten darstellt:


Und dann im Seitenschiff - ein Fest für St Patrick Fans. Drei große Fenster zeigen ihn als Jüngling, der versklavt Schafe hütet, als jungen Mann, der Botschaften von Engeln empfängt (unter anderen die, zurück nach Irland zu gehen, um genau da christlich zu wirken, wo er selbst so grausame Jahre durchleben mußte) und als Erwachsenen, der unter Iren lebt und sein Werk tut:




Diese Seitenkapelle war abgeteilt durch eine Glasfensterwand, ganz zart in Holzrahmen gefaßt und mit diesen schönen Glasmalbildern wie hier Columban (das ist nicht Columcille, von dem es auch ein wunderschönes Bild gibt, sondern ein Mann ähnlichen Namens, der bei St Comgall in Bangor studiert hat und von dort aus eine Missionsreise angetreten hat).


Hinter dieser Glaswand, unter den hohen Fenstern erwartete mich eine Wand mit Mosaiken, die Patricks Leben darstellen und dabei so unfassbar detailreich, mit so viel Liebe und Hingabe gestaltet sind, daß ich wirklich mit offenem Mund dastand und nur staunen konnte.
Seine Entführung aus seinem Zuhause - völlig richtig mit Nachthimmel, mit den römischen Gebäuden im Hintergrund, dem Schiff… und man achte auf die rotbraune Haarfarbe und das bartlose Gesicht. =) Genau, wie ich ihn immer im Kopf hatte.


Wie er als Sklave beim Beten (man achte auf das schlichte Gewand und die idyllische Landschaft) ins Gespräch mit dem heiligen Geist kam:


Wie er sich als junger Erwachsener (guckt! Haare und bartlos!) loszieht, begleitet offenbar von einigen wenigen Mönchen und sogar einem Soldaten zu seinem Schutz. Hier das erste mal die Geste, von der ich vergessen habe, wie sie heißt, die aber viele Statuen von ihm als Bischof auch zeigen. Er ist jetzt nicht mehr hilflos, sondern geht mit festen Schritten vorwärts (sogar vor dem eher skeptisch aussehnden Soldaten und weit vor den beiden ängstlichen Männern in Kutte ^^), wohl wissend, daß sein Vorgänger ermordet oder vertrieben wurde, wohl wissend, was die Kelten ihm selbst angetan hatten und in der festen Überzeugung, daß Gott selbst ihm keine Wahl läßt:


Der Osterfeuerstreit:


Sein Tod als alter Mann auf dieser schlichten Pritsche, immer noch in der einfachen Kutte und in den Armen seines guten Freundes und Mitpriesters (die Lichtstrahlen! Die umwachsenen Birken links und rechts! Der strahlend sonnengelbe Himmel draußen im Gegensatz zu dem Grau, in dem der Körper liegt, den er nun verlassen darf!)


Ist das nicht uuuuuuunglaublich wunderbar gestaltet? Hach.

Tja, nur ein Grab haben wir nicht gesehen. ^^ Also fuhr ich auf gut Glück in die Stadt hinein, und siehe da, es tauchte recht bald ein Schild auf, auf dem "St Patrick's Centre" stand. Prima, dachte ich mir, das wird eine Art Touristeninformation für Scheuklappentouris wie mich sein, die kann ich ja mal fragen und dann kurz Grab gucken. Aber nein. Das Haus war dann doch etwas größer.



Im Inneren fanden sich eine wundertolle Ausstellung, ein Shop - natürlich ;-) - und ein Café im ersten Stock, mit Türen in den Garten, denn das Haus lehnt an dem Berg, auf dem die Down Cathedral steht. Und ja, das ist jetzt endlich die mit dem Grab. =) Aber zunächst sind wir durch die Ausstellung. Die war grandios! Man bekam einen Audioguide, und zwar einen ganz tollen, leichten, den man ans Ohr hängen konnte, nicht so ein Monster-Walkie-Talkie von mehreren Kilo Gewicht. Ich konnte das Ding für meine Mama auch deutsch einstellen.

Dann ging es hinein. Begrüßt wurden wir von Patricks eigenen Worten:


Dieses Zitat, welches seine Confession eröffnet, war überhaupt an allen Ecken und Enden zu lesen: I am Patrick, a sinner, and the least among the faithful. Das scheint sie irgendwie zu beeindrucken. Immer wieder steht auch irgendwo, daß es gerade Patricks Bescheidenheit war, gepaart mit seiner unverrückbaren Sturheit, wenn es um den Glauben ging, die ihn für die heutige Kirche so menschlich, so greifbar macht.

In der Ausstellung konnte man an bestimmten Punkten Filme sehen, die sein Leben nachstellten. Der Text dazu war ausschließlich der Confession entnommen, also keinerlei Fantasieprodukte, sondern sehr schlicht gefaßt. Aber die Filme… die Ankläger seiner Kirche, von denen immer nur der Mund gezeigt wurde, und seine Antworten, wobei man immer nur die Augen sah. Die Wolfshunde am Strand, als er der Sklaverei entfloh. Und an jedem Punkt, wo ein Filmchen lief, etwas drumrum: Schafsfelle, auf denen man sitzen konnte. Kleider aus der Zeit zum Anprobieren. Eine kleine Wachs-Schweineherde da, wo von seinem Gebet um Essen für die Schiffsbesetzung die Rede war. Dinge aus der Zeit, die ihm begegnet sind, aber nicht von ihm selbst stammten, wie dieser Stein hier:, der Turoe-Stein, der im La Tène-Stil verziert und möglicherweise Cernunnos gewidmet ist:


Und selbst die Trennwände so hübsch verziert, daß man sich nicht als Trennung, sondern Ausstellungsstück betrachten konnte:


Wieder draußen war Hummelchen wieder völlig aufgedreht (mmmmeeeeehrrr! mmmmmeeeeehhhrrr!), aber Mama völlig platt. Ich bekam ein Geschenk (man beachte hier den Sonnenbrand):


Dann gingen wir ins Café, tranken jeder einen riesigen Americano und aßen einen verboten leckeren Riegel Zartbitterschoki. Von hier sind wir über die Terrasse in die Gärten am Hügel gegangen, über die man angeblich zur Kathedrale hochkommen sollte. Hier waren auch wieder viele Mosaike im Boden, manche mit keltischen, manche mit christlichen oder vermischten Symbolen:


Irgendwo war ein Boot nachgestellt wie das, mit dem Patrick von und nach Irland gekommen sein könnte - eine Curach - und hier zum Beispiel ließen sie eine Weidenhecke in Form eines Mönchs, der an einem Schreibpult arbeitet, wachsen:


Das Tor aus dem Garten raus zur Kathedrale war geschlossen, also gingen wir wieder durch das Gebäude und dann den Außenweg. Oben angekommen zeigte uns dieses Schild


den Weg zu diesem Ort:


Das Grab von St Patrick. Es ist einfach ein riesiger Stein, wie man sieht, schon etwas lädiert, auf dem ein Kreuz und sein Name (ohne Zusatz wie "Saint" oder so) eingemeißelt sind. Es ist einfach perfekt. Der Stein wurde vor etwa 100 Jahren von einer Familie der Umgebung an diese Kirche gespendet, da der genaue Ort seines Grabes nirgends belegt und unauffindbar ist. Immerhin wurde die gesamte Existenz des Mannes 200 Jahre nach seinem Ableben einfach totgeschwiegen; selbst seriöse Historiker der Zeit machten einen weiten Bogen um ihn, denn die römisch-katholischen Allerwertesten hatten zuviele Probleme mit ihm und seiner eisernen Armutsstrategie gehabt. ^^ Also nix mit Grabsteinpflege und so damals, daher liegt heute alles im Dunkeln. 
Aber es lagen Blumen und einige Münzen auf dem Stein, was ich total schön fand. Leute kommen offenbar hierher um zu beten, und sie geben etwas Kleines zurück. Und ob es nun sein Grab ist oder nicht - irgendwo auf diesem Hügel oder in der Nähe ist es auf jeden Fall, und die Energie dieses Ortes hier, wo der Stein liegt, ist unbeschreiblich. Es wummert und wogt, es rührte mich an und machte mich glücklich, mit einem tränenden Auge. Hier fließen all diese Gebete zusammen, die Hoffnungen der Menschen, die getröstet wieder weggehen, nachdem sie ihr Blümchen dagelassen haben, die Pilger, die am St Patrick's Day in Massen kommen und die einzelnen Leute, die sich kaum herantrauen. Das war einfach nur schön. Und wieder hat meine Mama in völliger Verkennung meiner emotionalen Lage und gegen meinen Willen eine große Menge Fotos von mir geschossen, die alle recht rotnasig wirken.

Dann wollten wir in die Kirche, und sie war zu. Geschlossen. Um viertel fünf am Nachmittag. Das ist 16.15 Uhr, für die Westdeutschen unter meinen geschätzten Lesern. Zu. Niemand da. Ich dachte, mein Schwein pfeift. Ich rief also diese Nummer an:


Und bekam einen Anrufbeantworterspruch zu hören: "Welcome to Down Cathedral. The Shop is open from Monday to Friday 10 am to 4 pm." Ich konnte es nicht glauben. Willkommen in der Kirche mit dem Grab des Mannes, der sein Bischofsamt verlieren und sogar exkommuniziert werden sollte, weil er die Geschenke der armen und reichen Menschen konsequent ablehnte, was seine Kirchenoberen in Frankreich als "Unterschlagung von Finanzen der Kirche" bewertete? Weil er der Meinung war, eine Kirche sei ein Ort zum Beten, kein verdammter Tresorraum? Der Mann, der Gaben, die heimlich in seiner Abwesenheit auf den Altar gelegt wurden, sogar wieder zurückbrachte? The Shop is open und kein Wort zum eigentlichen Gebäude? In meinem Inneren ist jemand rasend die Wände hochgelaufen.

Guckt Euch unbedingt das gesamte Stück an - die Kernbotschaft kommt bei Minute 4, und ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich aus dem Kern meines Wesens im 2. Sopran "GOTTLOOOOOOS!" geschrien gesungen habe, damals, als ich noch selbst in Chören sang…

Kommentare:

Ashmodiel hat gesagt…

Wunderbar!
Alles!
Das Grab mit der Inschrift erinnert mich an den Ort in der Canterbury Cathedral, an dem Thomas Becket ermordet wurde.
Drei Schwerter zeigen von oben darauf und auf den Bodenplatten steht schlicht "Thomas". Ich könnte schon wieder heulen.

Die wunderschöne Harfe habe ich in klein. :)

Hummel hat gesagt…

In noch kleiner? Die ist nur daumennagelgroß. Klein und süß. =D Ick liebe ihr.
Ja, gerade diese Schlichtheit ist sooo anrührend. Und mehr hätte er sich nie gewünscht oder gebraucht, selbst das schon ist ja viel.

Hach, Canterbruy steht auch schon so lange auf der Zu-besuchen-Liste...

Ashmodiel hat gesagt…

Ja, in noch kleiner.
Ich will auch nochmal hin...und dann bitte so, dass ich auch reinkann in die Kathedrale. =D

Hummel hat gesagt…

Monday to Friday, 10 am to 4 pm. ^^

athena hat gesagt…

Wie wundervoll und spannend und toll! Und die Fotooooos! =D
Aber was bitte ist ein Americano? ;-)

Hummel hat gesagt…

Ein Americano ist einfach ein schwarzer Filterkaffee. =)

athena hat gesagt…

Aaaahhh, also ungefähr genauso spektakulär wie eine Schlangengurke :D